Dr. Peter Forster, Oberst/Rgt Kdt, Publizist und Buchautor
Manchmal tut es gut, in älteren Dokumenten zu blättern. So hat das Dokument „Luftverteidigung der Zukunft“ der „Expertengruppe Neues Kampfflugzeug“ vom Mai 2017 nichts vor seiner damaligen Ausstrahlung und Aktualität eingebüsst.
Der Gruppe stand Divisionär Claude Meier vor, F/A-18-Pilot und Chef des Armeestabes. Sein Bericht gilt heute noch als leuchtendes Vorbild an Darstellung, Durchdringung des Stoffes und luziden Konsequenzen. Seither hat keine ähnliche Schrift mehr die Qualität und Aussagekraft von Meiers 196 Seiten erreicht.
55 bis 70 moderne Kampflugzeuge
Zur Lage 2017 stellen die Experten nüchtern fest: „Die Schweiz verfügt aktuell über ein funktionierendes Gesamtsystem zur Luftverteidigung. Ohne Massnahmen werden aber schon in den nächsten fünf bis zehn Jahren alle seine zentralen Komponenten das Ende ihrer Nutzungsdauer erreichen. Damit würde die Schweiz in der zweiten Hälfte der 2020er Jahre alle Fähigkeiten verlieren, um ihren Luftraum eigenständig zu schützen.“
Zur Finanzplanung hält der Bericht glasklar fest:
„Wesentlich ist, dass Bundesrat und Parlament die notwendigen finanzpolitischen Weichen frühzeitig stellen und die finanziellen Rahmenbedingungen von Anfang an klar und über die Jahre verbindlich abstecken.“ Unter den Optionen geht die Expertengruppe gründlich auf die erste ein. Ihr gibt sie den Titel: „Ersatz der heutigen Kampfflugzeugflotte durch 55 bis 70 moderne Kampflugzeuge und eine umfassende Erneuerung und Leistungssteigerung aufseiten der bodengestützten Luftverteidigung.“
8’670 Stimmen gaben Ausschlag
Am 27. September 2020 hiess das Schweizervolk mit 1’605’745 Ja zu 1’597’075 Nein einen Kreditrahmen von sechs Milliarden Franken für maximal 36 neue Kampfjets gut. 8’670 Stimmen gaben den Ausschlag für die Erneuerung der Luftwaffe. Prozentual lautete das Stimmenverhältnis 50,1% Ja zu 49,9% Nein. Die Stimmbeteiligung betrug überdurchschnittlich 59,4%. Für den Ausgang zählte das Ständemehr nicht. Alle Deutschschweizer Kantone ausser den beiden Basel stimmten Ja: AG, AI/AR, BE, GL, GR, LU, NW/OW, SG, SH, SO, SZ, TG, UR, ZH, ZG plus VS. Die Westschweizer Stände FR, GE, JU, NE, VD plus BL/BS und TI verwarfen die Vorlage.
F-35 gewinnt Evaluation
Schon im Mai 2019 testete die Armasuisse vier Konkurrentn in einer minutiös präzisen Evaluation. Der Militärflugplatz Payerne rückte vier Mal in den Fokus der Armeefreunde. Die Aufwartung machten uns der europäische Eurofighter, der französische Rafale und die beiden Amerikaner F/A-18EF und F-35A. In Payerne „begutachteten“ die Flugzeugfans jeweils den Start von vier Schweizer F/A-18C und vier ausländischen Konkurrenten. Über den Alpen massen sich Deutsche, Franzosen und Amerikaner direkt mit den Schweizern und indirekt untereinander. In acht von acht Disziplinen schwang die Stealth-Maschine F-35 obenaus. Folgerichtig empfahl die Armasuisse den einzigen Jet der 5. Generation zur Beschaffung. Ein Donnergrollen gegen den Entscheid setzte es aus Frankreich ab.
Der Ukraine-Schock
Am 24. Februar 2022 überfiel die russische Armee die Ukraine. Ein Schock rüttelte Europa auf. Im Stände- und im Nationalrat riefen bestandene Sicherheitspolitiker zur raschen Wiederaufrüstung auf. Das eidgenössische Parlament beschloss nach heftigem Tauziehen, bis 2032 sei das jährliche Armeebudget auf ein Prozent der Wirtschaftsleistung zu erhöhen. Der Ständerat war mehrheitlich für das Zieljahr 2030. Als der Nationalrat zwischen 2030 und 2035 ausmarchte, ergab sich zuerst mit je 84 Stimmen ein Patt – das der SP-Ratspräsident Eric Nussbaumer mit Stichentscheid auf 2035 korrigierte. Hätte der Solothurner Major Simon Michel nicht gefehlt, wären wir jetzt bei 2030 und nicht beim Kompromiss von 2032. Unter dem Druck bürgerlicher Parlamentarier machte der Bundesrat mit der F-35-Beschaffung vorwärts. Am 19. September 2022 unterschrieb Bundesrätin Viola Amherd den Kaufvertrag mit der amerikanischen Regierung – und nicht mit dem Hersteller Lockheed Martin in Fort Worth, Texas. Vereinbart wurde die Lieferung in vier Tranchen: acht Flugzeuge 2027, acht 2028, zehn 2029, zehn 2030. Diese Planung war korrekt, die mittlerweile noch 30 Schweizer F/A-18/CD sollten so lange halten. In der Luftwaffe setzte eine erste Planung ein. Zur Schulung war der Grundsatz unbestritten: Train the trainer, schule den Instruktor, der dann sein Wissen und Können weitergibt.
Sozialpolitiker haben es besser
So weit, so gut. Wer zu unserer Armee steht, der war überzeugt: Abgesehen vom „Flüchtigkeitsfehler“ 2032 läuft die Erneuerung der Luftwaffe gut – bis wieder dunkle Wolken am Himmel aufzogen: Hartnäckig beharrt die politische Linke auf der Tatsache, dass der Ein-Prozent-Entscheid per 2032 nur einen Kreditrahmen vorgibt. Will heissen: Es handelt sich lediglich um eine Absichtserklärung. Die Erhöhung der Armeeausgaben steht jedes Jahr in der Budgetdebatte auf Messers Schneide. Die Militärpolitiker hinken den Sozial-Apologeten hintennach. Die permanent wachsenden Sozialwerke beruhen finanztechnisch auf gebundenen Ausgaben – langfristig beschlossen und nicht mehr anfechtbar.
Das Fixpreis-Drama
Schwerer noch wog der Fixpreis-Hammer, der im Sommer 2025 zuschlug. Wie tröpfchenweise an den Tag kam, verstanden die USA und die Schweiz unter Fixpreis nicht dasselbe. In Washington handeln das Pentagon und Lockheed Martin den Preis jeder Tranche miteinander aus. Dazu gaben die amerikanischen Unterhändler den Schweizern höflich zu verstehen, dass mit Mehrkosten von 650 Millionen bis 1,3 Milliarden zu rechnen ist. Bundesrat Martin Pfister hat mit der Entstehung des Abkommens nichts zu tun. Umso heftiger schlug am 25. Juni 2025 die Pressekonferenz ein, an welcher der VBS-Chef unmissverständlich klar machte: Wenn die Schweiz 36 Kampfjets beschaffen will, muss sie mit dem genannten Aufschlag rechnen.
Rasch kristallisierten sich zwei Auswege heraus:
Entweder tritt der Bundesrat mit einem Nachtragskredit vor das Parlament. Auf den ersten Blick erscheint dieser Plan realistisch zu sein. Im Nationalrat hätte der Kredit mit den Stimmen der SVP, der FDP und der Mitte durchaus Chancen; in aller Regel lässt die Mitte ihren einzigen Bundesrat nicht im Stich; und auch im grossmehrheitlich bürgerlichen Ständerat müsste das Nachtragsbegehren durchgehen. Oder aber die Schweiz reduziert die Anzahl Jets so, dass der vom Volk beschlossene Kreditrahmen eingehalten wird. Am 12. Dezember 2025 teilte Martin Pfister mit, der Bundesrat gehe diesen Weg. Es gebe keinen Zusatzkredit, von den 36 Flugzeugen würden „einfach“ weniger geliefert, die Anzahl sei noch zu bestimmen. Die üblichen Spekulanten der Bundeshauspresse machten ihre Schlagzeilen mit 24 bis 30 Maschinen auf.
Ironie der Geschichte
So stehen wir vor einem Scherbenhaufen. Wie Insider festhalten, zerschlug das VBS unter Viola Amherd das Geschirr, als der Vertrag nicht gründlich genug ausgehandelt wurde. Von den 55 bis 70 Kampfjets im Bericht von 2017 drohen höchstens 30 übrig zu bleiben – wenn es schlecht geht, noch weniger. Selbst wenn es 30 F-35 gäbe, sinkt das Durchhaltevermögen unserer Luftwaffe rapid. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass ausgerechnet die Bundespolitiker, die sich Tag und Nacht nach der NATO sehnen, gegen den Zusatzkredit mobilisierten. Die Damen und Herren kennen den Nordatlantikpakt nicht. Im Bündnis lautet das Zauberwort für die 32 Mitglieder: level of ambition. Wie viele Kampftruppen stellt ein Staat? Was führt er an Panzern, Geschützen, Flugzeugen und Schiffen ins Gefecht? Ist er bereit, für Estland, Lettland oder Litauen mit Blut zu „bezahlen“? Was bringt er an Kampfkraft? was an robuster Führung? was an exakter Stabsarbeit? Als die bürgerlichen NATO-Apologeten vom Fixpreis-Hammer noch nichts wussten, hoben sie unisono hervor: Mit 36 modernsten F-35 können wir uns im Bündnis sehen lassen, gerade jetzt, wo der Pakt die Alpenlücke über Österreich und der Schweiz fürchtet. Wien verharrt auf seinen 15 Eurofightern aus der ältesten Tranche. Aber die Schweiz – und da haben die NATO-Turbos Recht – könnte sich mit drei gut trainierten, stark gerüsteten F-35-Staffeln zeigen. Aber mit 24 Apparaten, wenn es schlecht geht?
Das weiss der Kuckuck
Wenn Schweizer von der sinkenden Durchhaltefähigkeit reden, fügen sie gerne an: „Nachher hilft uns die NATO?“ Woher sie diese Zuversicht haben, das weiss der Kuckuck. In einem grossen europäischen Krieg hätten die F-35, Eurofighter, Rafale und Gripen der NATO genug zu tun, um ihren eigenen Luftraum zu verteidigen. Sie stünden mehr als 500 MiG und Suchoi gegenüber, mit denen kühne russische Piloten angriffen. Das mangelnde Durchhalten der eigenen Luftwaffe mit der vermeintlichen NATO-Hilfe vom Tisch zu wischen, das mutet – gelinde gesagt – abenteuerlich an. Was schmerzt, ist die Gegenüberstellung des hieb- und stichfesten Dokuments von 2017 mit der Gegenwart. Dort eine glasklare Analyse, hier ein Wirrwarr, Unsicherheit und der Weg des geringsten Widerstands.